Von Kuba lernen? Zukunftsfähigkeit auf der roten Karibikinsel

Ein Artikel von Edgar Göll in der Zeitschrift agora42 Thema: Wohlstand, Ausgabe 2/2013 (www.agora42.de)

Jenseits des Atlantiks gibt es einen Inselstaat, der in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit bislang nur von Experten Beachtung findet. Es handelt sich um das sozialistische Kuba. Wer die üblichen Klischees beseite lässt, kann dort erstaunliche Entwicklungen beobachten.

Gesellschaftliche Innovationen und Verbesserungen entstehen oft dadurch, dass über den Tellerrand hinaus geschaut wird. Dieses thinking out of the box wird jedoch noch zu selten praktiziert. Verknöcherte Denkgewohnheiten, das Räsonieren innerhalb einer intellektuellen „Komfortzone“, vor allem aber ideologische Scheuklappen und Tabus verleiten häufig zu einer Blindheit gegenüber interessanten gesellschaftlichen Möglichkeitsräumen.

tl_files/Bilder/downloads/2013-02_agora42-Wohlstand_Cuba_web_1.jpgDoch die Suche nach Alternativen ist heute dringlicher denn je, denn unsere derzeitige und lange „erfolgreiche“ Produktions- und Lebensweise bringt – wie seit Jahrzehnten immer intensiver kritisiert wird – immense Zerstörungen und Gefährdungen unserer Lebensgrundlagen mit sich. Sie ist insofern nicht zukunftsfähig, also nicht nachhaltig. Seit dem UN-Weltgipfel für Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 in Rio de Janeiro wurde der Diskurs über das Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“ intensiviert und ist auf die Agenda von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gerückt. So wundert es nicht, dass sich immer mehr Menschen, meist junge (die noch nicht voll in der alltäglichen Tretmühle sind) oder alte (die aus der alltäglichen Tretmühle draußen sind), auf die Suche nach Alternativen machen; Neues wird ausprobiert, man lässt verschüttete Ansätze und Praktiken wieder aufleben – zum Beispiel Ecocities, Gemeinschaftsgärten und generationenübergreifende Wohnprojekte.

Besonders spannend wird es, wenn man neuartige Ansätze entdeckt, die gerade in anderen Ländern und Kulturen ausprobiert werden.

Kuba – in Zukunft spitze

Im Jahr 2005 veröffentlichte das Global Footprint Network (GFN) – gemeinsam mit dem World Wide Fund For Nature (WWF) und der International Union for Conservation of Nature (IUCN) – die Studie „The Living Planet“. Darin wurde die Lebensqualität von 150 Nationen (gemessen anhand des Human Development Index, bei dem insbesondere auf die Faktoren Einkommen, Bildung und Gesundheit Wert gelegt wird) ins Verhältnis zum jeweiligen „ökologischen Fußabdruck“ (Pro-Kopf-Verbrauch an Ressourcen und Umweltverschmutzung) gesetzt. Zwei Dinge wurden deutlich: zum einen, dass zahlreiche Gesellschaften weit über die Verhältnisse leben, indem sie viel mehr Ressourcen verbrauchen, als ihnen zusteht; zum anderen, dass es immer noch viele Gesellschaften gibt, in denen soziale und ökologische Mindeststandards nicht erreicht werden.

2001 benötigte die Menschheit etwa 2,2 Hektar Land pro Kopf – zur Verfügung stehen bei gleicher Zuteilung für jeden Menschen jedoch nur 1,8 Hektar. Die Verursacher dieser Schiefl age werden im GFN-Bericht klar benannt: US-Amerikaner verbrauchen etwa das Sechsfache, EU-Bürger das Drei- bis Vierfache der ihnen zukommenden Naturressourcen. Als einziges Land hat Kuba sehr gute Werte erreicht. Diese Spitzenstellung Kubas in Sachen Zukunftsfähigkeit ergab sich nicht zufällig, sondern ist Ergebnis verschiedener Faktoren. Der Faktor ökologische und soziale Sensibilität Kuba ist übermächtigen Naturgewalten unmittelbar ausgesetzt. Vor allem die langdauernden Perioden der Wirbelstürme führen immer wieder vor Augen, dass die Natur ernst genommen werden muss und dass ein möglichst intelligenter Umgang mit ihr erlernt werden sollte. Des Weiteren müssen die Kubaner aufgrund der Insellage mit einer begrenzten Fläche und begrenzten Ressourcen – und auch miteinander – auskommen.

Hinzu kommt der starke Einfluss von Kunst und Kultur, wo die Wertschätzung der Natur eine große Rolle spielt – so zum Beispiel in den weit verbreiteten Texten des Nationalhelden José Martí. Die Relevanz von sozialer und ökologischer Sensibilität und Fürsorge wird überall betont: in den (staatlichen) Medien und der Öffentlichkeitsarbeit wie auch in politischen Ansprachen von Führungspersönlichkeiten. Besonders eindrucksvoll hat sich der langjährige kubanische Staatschef Fidel Castro zu solchen Aspekten geäußert; beispielsweise bei der FAO-Konferenz (FAO = Food and Agriculture Organization of the United Nations) des Jahres 1996 in Bezug auf das UN-Programm zur Reduzierung der Armut: „Wenn das Ziel die Halbierung der Zahl der hungernden Menschen ist, was sollen wir der anderen Hälfte sagen?“ Der Faktor ökonomische Isolation Die niedrige Umweltbelastung in Kuba ist vor allem auf das im Vergleich zu westlichen Industrienationen niedrige Niveau der sozioökonomischen Entwicklung und der Produktivität zurückzuführen – und entsprechend auf die sich daraus ergebende Lebens- und Konsumweise. Die schwierige wirtschaftliche Situation ist zu einem großen Teil bedingt durch die im Jahr 1960 von den USA gegen Kuba verhängte Blockade („Embargo“) und die dadurch entstandene wirtschaftliche und politische Isolation. Dies bedeutet eine erhebliche Einschränkung der kubanischen Wirtschaft, bestritt Kuba doch vor dem Embargo bis zu etwa 80 Prozent seines Außenhandels mit den USA. Dieses Embargo wurde im Laufe der Zeit keineswegs entschärft: So wurde beispielsweise im Jahr 1992 vom damaligen US-Präsidenten George Bush ein Gesetz unterzeichnet, demzufolge unter anderem Drittländern, die mit Kuba Handel treiben, der Entzug von Wirtschaftshilfe droht und Schiffe, die in kubanischen Häfen Fracht löschen, für 180 Tage von US-amerikanischen Häfen ausgesperrt werden. Die wirtschaftliche Lage verschärfte sich durch die Auflösung der realsozialistischen Staaten Osteuropas, wodurch 85 Prozent der Außenmärkte Kubas wegbrachen. Dies hatte zu Beginn der 90er-Jahre eine schwerwiegende ökonomische Krise zur Folge, was zu einem besonders sorgsamen Umgang mit allen Arten von begrenzten Ressourcen führte. All dies trug dazu bei, dass – im Vergleich mit westlichen Standards – nur geringer Konsum möglich ist.

Der Faktor Politik

Hier ist zunächst darauf hinzuweisen, dass nicht nur in der Verfassung klare Aussagen zu einer nachhaltigen Lebensweise getroffen wurden, sondern auch diverse Gesetze erlassen, Programme entwickelt und Aktivitäten durchgeführt werden, die zum Ziel haben, den Ressourcenverbrauch und die Umweltverschmutzung zu reduzieren sowie hohe soziale Standards zu erreichen. Besonders positiv hervorzuheben sind die Kampagnen wie das 2005 gestartete „Jahr der Revolution im Energiesektor Kubas“. In einer aktuellen Studie von Dieter Seifried heißt es dazu: „Die Umbrüche auf der technischen Ebene wurden durch begleitende Maßnahmen gestützt, die auch für Deutschland und andere Länder von Interesse sein könnten: Ineffiziente Altgeräte wurden durch effizientere Geräte ersetzt und parallel dazu wurden die Stromtarife innerhalb der progressiven Tarifstruktur so angepasst, dass Vielverbraucher deutlich mehr bezahlen müssen. Zudem wurde der Kauf von effizienten Haushaltsgeräten durch sogenannte Sozialkredite unterstützt. Sozialkredite deshalb, weil die Kreditbedingungen wie Zinssatz und Tilgungsdauer an die Einkommen und die Zahlungsfähigkeit der Haushalte angepasst wurden.“ (Energierevolution in Kuba. Ein Modell für den Klimaschutz? – 2013) Auch die Fähigkeit der kubanischen Entscheidungsträger zu innovativem und progressivem Handeln stellt einen gewichtigen politischen Faktor dar. So wurden angesichts der ökonomischen Krise der 90er-Jahre erstaunlich schnell alternative und nachhaltige Lösungswege gesucht und gefunden. Zum Beispiel wurde die Umstellung auf kleinparzellige städtische Landwirtschaft („urban gardening“) zum politischen Programm. In Havanna und Santiago de Cuba werden inzwischen über 50 Prozent der frischen Lebensmittel im Stadtgebiet angebaut. Im Buch Lebendige Gärten. Urbane Landwirtschaft in Kuba zwischen Eigenmacht und angeleiteter Selbstversorgung (2011) von Daniela Kälber werden Entstehung und Besonderheiten der Gärten in Havanna analysiert. Diese Methoden haben hinsichtlich Ressourcennutzung, Umweltschutz und Produktivität Vorbildcharakter für andere Regionen. Allerdings ist es Kälber zufolge notwendig, die Produktionsbedingungen zu verbessern und den Gärtnern mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen. Überdies werden von kubanischen Politikern im Kontext von Nachhaltigkeit auch ansonsten selten genannte Aspekte, wie zum Beispiel Aufrüstung und Kriegsführung, offen thematisiert – gerne natürlich im Rahmen der Kritik an westlich-kapitalistischen Gesellschaften. Perspektiven Kuba befindet sich in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeitspolitik in vielerlei Hinsicht auf dem richtigen Weg. Es werden beachtenswerte Reformen auf den Weg gebracht und umgesetzt. Der Verbrauch von Rohstoffen, der Ausstoß von Emissionen, das Aufkommen von Müll etc. sind noch vergleichsweise gering. Zugleich sind ökologische und soziale Standards relativ weit entwickelt. Wegen der sehr begrenzten finanziellen Mittel, die in Kuba zurtl_files/Bilder/downloads/2013-02_agora42-Wohlstand_Cover_1.jpg Verfügung stehen, geschieht nicht noch mehr. Auf die US-Blockade gegen Kuba wurde bereits hingewiesen, aber teilweise verhindern auch bürokratische Strukturen, überforderte Beamte und eine gewisse Passivität auf institutioneller Ebene, dass in Kuba die Potenziale für eine nachhaltige Entwicklung besser genutzt werden. Gleichwohl genießt Kuba in vielen Ländern des Südens aufgrund seiner sozialen und ökologischen Errungenschaften sowie seiner internationalen Hilfsaktivitäten (materiell und mit Fachkräften) großes Ansehen. Wer sich in unserem Land die Mühe macht, sich mit Kuba auseinanderzusetzen, wird Anregungen für eine zukunftsfähige Politik erhalten. Auf ein nachhaltiges Niveau zu kommen, dürfte im stark vom Konsum geprägten Westen schwer sein – dass das Leben dann aber immer noch lebenswert ist, das zeigt Kuba. !

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