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Anlässlich des 160. Geburtstages des südamerikanischen Freiheitskämpfers und cubanischen Nationalhelden José Martí (1853- 1895) finden weltweit Veranstaltungen statt. Im Iberomaerikanischen Institut in Berlin hat am 28.1.2013, dem Geburtstag von Martí Prof. em. Dr. Hans-Otto Dill (Humboldt-Universität zu Berlin, Romanist und Experte für Lateinamerikanische Literatur) einen hervorragenden Vortrag über Martí gehalten. Das Manuskript ist auf der Website der Botschaft der Republik Kuba zugänglich. Die Lektüre wird wärmstens empfohlen!
José
Martí (1853-1895) dessen 160. Geburtstag wir heute feiern, war ein
großer Dichter, aber auch Revolutionär, der wohl erste bewusste
Antiimperialist der Weltgeschichte, früher Kritiker des Kolonialismus
und Vorläufer des sogenannten Dritte-Welt-Denkens. Doch beschränke ich
mich hier auf ein Segment seiner geradezu elektrisierenden Schriften,
auf Martí als den Erfinder Lateinamerikas und Entdecker der kulturellen
Identität dieses Subkontinents, obgleich er dieses heute inflationäre
Allerwelts- und Modewort nie benutzte, u.a. weil die damalige
Geschichtswissenschaft nicht in der Lage war, einen solchen Begriff
überhaupt nur zu denken. Dazu bedurfte es der lateinamerikanischen
Erfahrung.
Zur Einführung in seinen Denkstil eine Kurzbeschreibung
seiner Einfachen Verse von 1891: Das sind bunt durcheinander gewürfelte
Momentimpressionen und Gedankensplitter, Natur- und Landschaftsbilder,
Adler in den Lüften, Viper im Nest, summende Biene, schlafendes Kind,
ein an einem Dolchstoß verblutender Mann, vielleicht von seiner
Geliebten verraten, dazwischen wie nebenbei politische Schlaglichter,
vom Sohn eines versklavten Landes, also Kubas, ist da die Rede, von
einem Todesurteil, das der Verurteilte mit höchsten Genuss
entgegennimmt, während der Richter wegen seines eigenen harten Urteils
einen Heulkrampf bekommt. Extreme, ja exzentrische Gefühlsäußerungen des
Angeklagten wie des Richters, Exzentrizität und Heterogenität
charakterisieren sowohl den Menschen José Martí als auch Lateinamerika,
obgleich es zu Martís Zeiten nur als dessen gedankliches Konstrukt
existierte.
Er übte die vielfältigsten Berufe aus, war Diplomat,
Konsul Uruguays, widerborstiger Mitbegründer der Organisation
amerikanischer Staaten OAS 1889, Hochschulprofessor in Mexiko und
Guatemala, Rechtsanwalt in Havanna und Mexiko-Stadt sowie
Schriftsteller: 4 Lyrikbände, 1 Drama, 1 Roman, Schrieb in nur 42
Lebensjahren 25 dicke Quartbände Essays, Abhandlungen und Reportagen ,
rund 12 000 Seiten, edierte das politische Journal Patria und die
Kinderzeitung La Edad de Oro.
Er behandelte tausend Themen, die
Entdeckung indianischer Tempelruinen in Mexiko, die Einweihung der
Freiheitsstatue im Hafen von New York, eine ungarische
Gemäldeausstellung, einen Vortrag von Oscar Wilde; Garniers Pariser
Opernbau und Schliemanns Ausgrabungen in Troja. Berühmt seine Reportage
über den Chicagoer Heumarktprozeß 1887, als sechs deutsche
Sozialdemokraten, von Bismarck ins Exil getrieben, wegen Terrorismus zum
Tode verurteilt und exekutiert wurden. Typisch für Martí seine Mischung
von sachlicher Gerichtschronik und Phantasie: der Angeklagte Engel
zitiert Martí zufolge vor seiner Hinrichtung alle fünf Strophen von
Heinrich Heines sehr zur Situation passendem Gedicht Die schlesischen
Weber, das Martí eigens aus dem Deutschen ins Spanische kongenial
übersetzte mit einer einzigen Abweichung; statt wir weben, wir weben,
tejemos tejemos heißt der Kehrreim bei ihm Adelante, tejedor! Vorwärts,
du Weber!
Er war politischer Organisator und Propagandist der
Befreiung Kubas von spanischer Kolonialherrschaft, hielt begeisternde
patriotische Reden unter den kubanischen Tabakarbeitern in den USA und
warb Drittmittel für Waffenkäufe ein. Revolutionär war er seit seiner
Gymnasialzeit. Als 16-jähriger Schüler verurteilte man ihn wegen
antispanischer Propaganda, als man einen Brief beschlagnahmte, in dem er
die Tyrannenmörder des alten Rom lobpries, zu Zwangsarbeit im
Steinbruch mit einer Eisenkugel am Fuß.
Alle spanischen Kolonien
hatten 1810 die Unabhängigkeit erkämpft, nur Kuba, Puerto Rico und die
Philippinen nicht. Kuba nahm den Freiheitskampf erst 1868 auf, als ihm
Spanien Demokratie und Selbstbestimmung verweigerte. Martí landete 1895
aus dem USA-Exil kommend auf der Insel von Bord des Rostocker Dampfers
Nordstrand unter dem wackeren Kapitän Löwe aus Warnemünde. Er kopierte
eine von dessen Frau gestickte, an der Kajütenwand hängende Borte mit
Sutterlin-Inschrift:
In allen Stürmen,
in aller Noth.
Mag er dich beschirmen,
der treue Gott.
Martí
starb in einem Gefecht, vom Pferd geschossen. Als die Freischärler
weitgehend die Insel befreit hatten, erklärten die USA 1898 Spanien den
Krieg und besetzten seine Kolonien. Doch während sie die Philippinen
erst 1947 in die Unabhängigkeit entließen und Puerto Rico noch heute
Halbkolonie ist, mussten sie Kuba 1902 mit einigen Einschränkungen
freigeben. Die Zuckerinsel wurde bald nach Gründung der UNO deren
Mitglied. Martís Worte fielen nicht ins Leere, sein Kampf hatte sich
gelohnt.
Er arbeitete gleichzeitig für die Befreiung Kubas und die
Schaffung eines vereinten Lateinamerika, das noch gar nicht existierte:
wie sollte ein argentinischer Gaucho Gemeinsamkeiten mit mexikanischen
Indios und kubanischen Negersklaven empfinden, wenn er weder von diesen
zehntausend Kilometer entfernten Ländern noch von deren Bewohnern als
seinen Landsleuten wusste. Es gab keinen geographischen oder politischen
Zusammenhang zwischen den Lateinamerikanern, nicht mehr als zwischen
Deutschen und Tartaren, wohl aber einen kulturellen..
Amerika war,
wie der mexikanische Historiker O´Gorman sagte, eine pure Erfindung, und
zwar eine deutsche Erfindung. Kolumbus´ Irrtum, in Indien bei den
Indiern gelandet zu sein, wurde von Amerigo Vespucci korrigiert, weshalb
der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller aus Freiburg im Breisgau
1507 die erste Karte der Welt mit dem neuen Erdteil fertigte, den er auf
Anstiften des Vespucci-Übersetzers Ringmann zu Ehren Amerigos America,
nannte ohne die Amerikaner nach ihrem Namen zu fragen. Waldseemüller
erfand bald darauf einen authentisch indigenen Namen für die Neue Welt,
Brasil oder Papageienland, aber da hatte sich „Amerika“ schon
durchgesetzt, als Name für das ganze Amerika, nicht allein für die USA.
Martí sprach stets von Hispanoamerika, bzw., von Unser Amerika, Nuestra
América, wegen des kulturellen Unterschieds zwischen Ibero- und
Angloamerika, aber nie von Lateinamerika. Napoleon III. Kaiser von
Frankreich, der in Mexiko mit einer Invasionsarmee Fuß fassen wollte als
Vorstufe zu einem alle romanischen Länder umfassenden Imperium, gehört
zu den Miterfindern der absurden Bezeichnung Lateinamerika.
Martís
Originalität bestand darin, dass er die einerseits die weißen Kreolen
mit den indigenen und afroamerikanischen Bewohnern im Zeichen
kultureller Identität zusammentat, sie andererseits von den
angelsächsischen USA wie auch vom europäischen Spanien wegen ihres
Andersseins unterschied.
Die Kulturdifferenz zu Spanien artikulierte
er schon während seines Jurastudiums in Spanien, obgleich doch große
Mengen historischer, sprachlicher sowie künstlerisch-literarischer
Gemeinsamkeiten mit Spanien bestanden, und er stets voller Liebe von
Andalusien und Aragonien, ihren tapferen Comuneros und stillen Klöstern,
schrieb. Aber politisch-kulturell pflegte er gegenüber der Halbinsel
ostentativ, selbstbewusst und provokatorisch eine geradezu ruppige
Sprache, mit der er die unwiderrufliche Trennung beider Völker
politisch- kulturell begründete. Spanier und Kubaner seien zutiefst
wesensverschieden: „es gibt zwischen ihnen weder gemeinsame Bestrebungen
noch identische Ziele, noch sie einende Erinnerungen.“ Unter Hinweis
auf die vorsintflutliche politisch-soziale, wirtschaftliche und
ideologische Struktur der Pyrenäenhalbinsel konstatiert er absolute
Inkompatibilität zwischen Spanien, das „mühsam sein überaltertes und
rudimentäres Provinzdasein fristet“ und Kuba „das sich mit großem
Naturreichtum und Arbeitseifer in das moderne Leben und das freie
Amerika eingliedert“ dank seiner Verbindungen zu Lateinamerika, zu den
USA und dem fortgeschrittenen Mittel- und Nordeuropa, womit er die
übliche Rangordnung umdreht, die Kolonie für fortschrittlicher als das
Mutterland erklärt.
Das spanische Mentalitätserbe in Kuba sei
Negativ-Ballast, Feudalkoloniale Psychologie, Unwissenheit, Despotismus,
Hochmut und Mangel an Achtung der Meinung Andersdenkender, schreibt er.
Sein kapitaler Schlusssatz: Das freie Kuba müsse die Spanier nicht nur
als Personen aus dem Lande werfen, sondern sie „aus unseren Sitten und
Gebräuchen vertreiben.“ Diese den sozialökonomischen und politischen
Denkhorizont seiner Zeit wesentlich ergänzende kulturelle
Argumentationslinie weitet er auf Lateinamerika aus, das er zu einem
Kulturkonstrukt, zu einer geistig-mentalen Einheit zusammendenkt. Er
schrieb, „die Völker, die sich nicht kennen, müssen sich schnellstens
kennen lernen“. Dieses gegenseitige Kennenlernen der durch riesige
Entfernungen getrennten Lateinamerikaner förderte er durch permanente
journalistische Information zwischen „den ohne Kommunikation
untereinander“ existierenden „Republiken Spanisch-Amerikas“, womit er
erstmals solche modernen Worte wie Kommunikation und Information
gebraucht und erstmals die damals sich verbreitenden modernen
Printmedien nutzt, die aus regional-nationalen zu überregionalen
Zeitungen wurden: La Nación in Buenos Aires und La República in Mexiko,
die als Multiplikatoren Martís für die Lokalpressen fungierten, so dass
er so etwas wie eine gesamtlateinamerikanische Öffentlichkeit schuf.
Kuba, la patria chica, integrierte er in Lateinamerika, die patria
grande.
Doch sah er diese Einheit durch wirtschaftliche
Begehrlichkeiten des nördlichen Nachbarn USA bedroht. Aus dem Feldlager
schrieb er: „Täglich erfülle ich meine Pflicht, (...) durch die
Unabhängigkeit Kubas rechtzeitig zu verhindern, dass sich die USA über
die Antillen ausbreiten und mit dieser so vermehrten Macht in die Länder
Unseres Amerika einfallen.“ Das war nicht geniale Prophetie, sondern
politische Informiertheit, denn USA-Präsident Grant, sein
Außenstaatssekretär und sein Kriegsminister erklärten andauernd neue
karibische oder mittelamerikanische Länder zu Objekten von Intervention
oder Kauf, wodurch sie schließlich die Hälfte ihres Territorium
hinzuerwarben.
Martí sah als erster die Besonderheit Lateinamerikas
wegen seiner kulturellen Heterogenität, seinem multikulturellen
Charakter, seiner einmaligen Zusammensetzung aus europäischen Kreolen,
indigenen Indios und importierten Afrosklaven, den Angehörigen der
Rassen und Kulturen der drei Kontinente: Amerika, Europa und Afrika. In
Asien und Afrika gab es fast nur sogenannte Eingeborene, in Europa und
Nordamerika fast nur Weiße, in Lateinamerika jedoch beides.
Natürlich
war er Antirassist, worauf sich die meisten Martianer beschränken. Es
gäbe keinen Rassenhass, weil es keine Rassen gibt schrieb er, was heißen
soll: eigentlich dürfte es keinen Rassismus geben, weil die Hautfarbe
weder Kultur noch Denken noch Fühlen bestimmt. Er war der erste, der die
Schwarzen Kubas zu Bestandteilen der Nation erklärte, von cultura negra
sprach. In Polemik gegen die in Europa und Nordamerika grassierende
Meinung, die Menschen afrikanischer Abstammung seien intellektuell und
kulturell minderwertig, schreibt er, die schwarzen Haitianer hätten
„ebenso viel Poesie und Bücher über Staatsrecht, Rechtswissenschaft und
Soziologie hervorgebracht wie jedes Land mit gleicher Bevölkerungszahl
in europäischen Breiten“. Er widmete viele Artikel aztekischen
Altertümern und altamerikanischen Kunstwerken, erwähnt begeistert die
Poesie des damals entdeckten Popol Vuh, diesen Mythen- und
Geschichtsbuchs der Mayas, und kommentierte die Verbrennung fast aller
aztekischen Piktografien durch die Christen mit den Worten: Man hat eine
ganze Seite aus dem Geschichtsbuch der Menschheit herausgerissen.
Heute
denkt man in europäischern Breiten, also in der EU, so antirassistisch
wie einst Martí, aber damals war er die ganz große Ausnahme. Die
ethnisch-rassische Heterogenität Lateinamerikas, die er als enorme
Bereicherung der Gattung Mensch ansah, wurde von führenden Nord- und
Südamerikanern als schädlich und schändlich angesehen: der Argentinier
Domingo Faustino Sarmiento pro¬pagierte als Schriftsteller in Barbarei
und Zivilisation in der argentinischen Republik, und realisierte als
Präsident die Ver¬nichtung der Indios und mestizischen Gauchos als
Feinde der Zivilisation, weshalb man zwecks Verhinderung der Vermehrung
der unnützen Indios alle gebärfähigen Indianerinnen Patagoniens über 20
Jahre erschießen ließ, weshalb das Reisetagebuch des darüber fassungslos
berichtenden Charles Darwin von der Zensur bis ins 20. Jahrhundert
hinein verboten wurde. Der kubanische Sklavereigegner Domingo del Monte
votierte für die Rücksiedlung der Schwarzen nach Afrika, und Benjamin
Franklin tötete die In¬dianer seiner Heimat durch hochprozentigen
Alkohol, um in den Be¬sitz von deren un¬genutzten Ländereien zu
gelangen, und empfahl in seiner erst 1905 erschienenen Autobiographie,
seinen writings diese Methode, die ja an der Ostküste bereits
erfolgreich zum Aussterben der Ureinwohner geführt habe.
„Indianisti¬sche“ Schriftsteller wie die Peruanerin Clorinda Matto de
Turner in Aves sin nido und der Bolivianer Alcides Arguedas in Raza de
bronce (1919) empfahlen die gewaltfreie Ausmerzung der kupferfarbenen
Rasse durch allmähliche kulturelle „Verweißung“ (blan¬quear) mittels
Erzie¬hung, und ku¬banische Liberale die progressiv-europäi¬sierende
Mestizierung der Schwarzen (adelantarse). Martí aber inspirierte
andinische und karibische Anthropologen des 20. Jahrhunderts wie den
Peruaner José Carlos Mariátegui, den Kubaner Fernando Ortiz und den
Brasilianer Darcy Ribeiro, die w Emanzipation der „Farbigen“ zu
reklamieren.
Martí zog die ethnische Buntheit Iberoamerikas dem
relativ monokulturellen farblosen Okzident vor, so den so den USAs als
„einem Volk von untereinander affinen „Engländern, Holländern und
Deutschen“, wo es „nicht die Vermischung der politischen Sitten und den
Völkermischmasch gibt, was beides in „Unser Amerika“, also
Hispanoamerika, lebendig geblieben ist.“
Das Moderne und Aktuelle
Martís ist nicht allein sein für uns Heutige selbstverständlicher
Antirassismus, sondern sein Konzept Iberoamerikas als multiethnischen
Kontinent und Modell für eine globalisierte Welt kulturell
gleichberechtigter Völker, für eine demokratische Weltkultur, die nicht
allein auf die okzidentale bzw. angloamerikanische Leitkultur allein
fixiert sein dürfte. Er dachte wie Simón Bolivar, der den Subkontinent
wegen seines Plurikulturalismus eine Menschheit im Kleinen, un pequeño
génerero humano genannt hatte.
In seiner wilden Syntax umschrieb er
die einmalige Rassen- und Kulturenvielfalt des jüngsten Gliedes der
Weltkommunität der Völker folgendermaßen:
„Die Füße im
Rosenkranz, den Kopf weiß und den Leib indianisch-kreolisch bemalt,
kamen wir auf die Welt der Nationen. Wir waren eine Maske mit Hose aus
England, Jacke aus Paris, Weste aus Nordamerika und Kopfbedeckung aus
Spanien. Wir waren Achselschnüre und Togas in Ländern, in denen man mit
Hanfsandalen an den Füßen und der Vincha auf dem Kopf zur Welt kam.“
Hanfschuhe
trugen traditionell die mexikanischen Indios, die Vincha ist das
Kopftuch der Gauchos von Argentinen und Uruguay. Die Achselschnüre
meinen die Epauletten der europäischen Offiziere, die Toga den Umhang
der römischen Patrizier und Philosophen: führwahr eine abenteuerliche
Mischung von Bekleidungskulturen der Alten und Neuen Welt; von Antike
und Gegenwart als Metaphern lateinamerikanischer Kulturhybridität.
Martís Schlussfolgerung; „Genial wäre es gewesen, Vincha und Toga zu
verbrüdern,“ Pampa mit Mittelmeer, europäische Antike mit amerikanische
Gegenwart zu verbinden,“
Doch er entdeckte außer der räumlichen
Ausbreitung der Kulturen auch die für Lateinamerika typische
Zeitgenossenschaft von Moderne und Archaismus, die Gleichzeitigkeit des
Ungleichzeitigen, Alle Kulturstufen und Geschichtsepochen von der
Steinzeit bis zum Industriekapitalismus koexistieren und mischen sich.
Hier konnte sich keine Wirtschaftsweise ganz und überall durchsetzen,
Restbestände früherer Kulturen ragen erratisch in die Moderne hinein,
Urwaldindios, mittelalterlich-abergläubische Bauern, magisch denkende
Indigene in Gemeinschaft mit Industrie, Technik und Naturwissenschaft.
Martí beschrieb dieses kuriose Nebeneinander plastisch in seiner
atemlosen Syntax:
Denn selbst heute, da die Lokomotiven durch die
Luft sausen und ein Felsen, der den Menschen im Wege steht, durch
Sprengladung in unsichtbare Atome zerspellt gleich den Splittern eines
auf den Boden geschleuderten Tequila-Glases (kein europäischer
Cognac-Schwenker, HOD), selbst heute in unserer fortgeschrittenen
humangeologischen Formation gibt es barbarische Indiostämme, Menschen
die Bilderschriften in Stein meißeln, die Sonnenpriesterstatuen
errichten.(...) Diese Menschen, die in den Urwäldern mitten in der
heutigen geologischen Fortschrittsformation geboren werden, kämpfen mit
wilden Tieren, leben von Jagd und Fischfang (...) bearbeiten Stein, Horn
und Bein, gehen nackt und mit zottigem Haar (...) wie der ruhmlose
Wilde an den Kaps Afrikas, wie alle Menschen in der primitiven Vorzeit.
Er registriert erfreut einen tollen Mischmasch von Latifundisten,
Industriellen, Peonen, Buschindianern, Nomaden, professionellen
Banditen, Urwaldtartaren, Einwanderern; Mennoniten, Naturanbetern,
Polytheisten, Sektierer, schlitzohrige Viehhirten, Urwaldboxer,
Kriegsgewinnler, Börsianer und Regenwaldindios: alle nebeneinander und
gleichzeitig.
Die häufige auf Lateinamerika angewendeten
Bezeichnungen Unterentwicklung oder Zurückgebliebenheit sind also
falsch, treffen höchstens auf einzelne isolierte Randregionen zu:
Charakteristisch ist auch heute das Neben- und Ineinander
verschiedenster Zeitepochen und Kulturtypen bis hin zur Moderne.
Argentinien hatte zu Martís Zeiten ein höheres Entwicklungsniveau als
Italien oder Spanien.
Martís Doktrin vom Guten Regieren
Wie
diese explosive Gemengelage regieren: darüber musste er als designierter
Präsident Kubas nachdenken. Er entwickelte eine Lehre vom guten
Regieren, von Gouvernance; gobernar bien speziell für Lateinamerika,
denn es ging ihm nicht um die banale Erkenntnis dass alle Länder
irgendwie verschieden sind und folglich unterschiedlich regiert werden
müssen, sondern um die fundamentalen Strukturunterschiede zwischen den
heterogenen lateinamerikanischen Republiken und den homogeneren Nationen
West Europas. Für ihn kam der übliche Nachvollzug okzidentaler Muster
für junge, aus dem Kolonialismus entlassene Drittweltländer mit ihren
archaischen Reststrukturen, und damit das ganze kreolische
Aufholprojekt, nicht in Frage. Er schrieb:
„Unfähig ist nicht das
entstehende Land, das nach ihm angemessenen Formen verlangt, unfähig
sind diejenigen, die unsere mit Gewalt zusammengezwungenen Völker mit
Gesetzen regieren wollen, die aus einem Jahrhundert freiheitlicher
Praxis in den USA, aus zehn Jahrhunderten Monarchie in Frankreich ererbt
wurden. Mit einem Dekret von Hamilton (USA-Minister unter George
Washington) bringt man einen Pampahengst nicht zum Stehen. Mit einem
Satz von Sieyes, Theoretiker der Französischen Revolution, bringt man
nicht das angestaute Blut der Indios zum Fließen.“
Diese
Unterschiede müssten die Regierenden Lateinamerikas gefälligst beachten
statt nur hirn- und gedankenlos die Altwelt-Administration nachzuahmen.
So interpretiere ich folgenden Satz: Gut regiert in Amerika nicht
derjenige, der weiß, wie der Deutsche oder Franzose regiert wird,
sondern derjenige, der weiß, aus welchen Elementen sich sein Land
zusammensetzt.“ Mit Elemente meint er die verschiedenen
Bevölkerungsteile, die in ganz unterschiedlichen Kulturen und
Zeitepochen nebeneinander existieren. Marti schrieb:
„Wie sollen
aus den Universitäten Regierungskräfte hervorgehen, wenn es keine
Universität in Amerika gibt, wo man sie die Anfangsgründe der
Regierungskunst lehrt, die in der Analyse der besonderen Elemente der
Völker Amerikas besteht. Bei Wettbewerben sollte der Preis nicht für die
beste Ode, sondern für die beste Studie über die Faktoren, (d. h.
Elemente) des Landes vergeben werden. De Regierenden müssten die
schwierige Synthese zwischen dien gegensätzlichen Elementen vollziehen:
Die Regierung ist nichts als das Gleichgewicht der natürlichen Elemente
des Landes“, nichts als das Ausbalanzieren der Regierungsprogramme
zwischen den Steinzeitmenschen des amazonischen Urwalds und den
Großstadtbewohnern des Betonmonsters Buenos Aires. Er forderte aber kein
Zurück in archaische Vergangenheit, sondern moderne Bildung: „statt
Griechisch Deutsch, statt Homer Heckel“.
Die Regierenden hätten
leider nicht im Einklang mit den „aus dem Lande selbst hervorgegangenen
Methoden und Institutionen“ regiert, sondern einfach drauflos
modernisiert.
Als Strafe für diese Ignoranz seien die vielen, ja
stets populistischen Diktaturen zur Herrschaft gelangt, womit er das
Geheimnis permanenter autoritärer Gewaltherrschaft in Lateinamerika
enthüllt:
„Dank dieser Nicht-Übereinstimmung mit den natürlichen
Elementen des Landes haben die Tyrannen in Amerika an die Macht
gelangen können. Die (lateinamerikanischen) Republiken haben in den
Tyranneien ihre Unfähigkeit gesühnt, die wirklichen Elemente des Landes
zu kennen, aus ihnen die Regierungsformen abzuleiten und mit ihnen
gemeinsam zu regieren.“
Das Gleichgewicht der
Bevölkerungselemente durch die endliche Berücksichtigung der
nicht-okzidentalen Bewohner, wie es einige andinische, durch indigene
demokratische Mehrheiten zustande gekommene Regierungen heute versuchen,
entspricht zweifellos Martischem Denken.
Martí entdeckte wie
schon Humboldt zu Beginn seines 19. Jahrhunderts Lateinamerika als
polykulturellen Kontinent und die für diesen Erdteil grundlegende
Bedeutung ethnisch-kultureller Faktoren, wogegen er dem damaligen
Entwicklungsstand des Subkontinents und seiner eigenen Erkenntnisbreite
entsprechend den sozialökonomischen Verhältnissen weniger Beachtung
schenkte, obwohl er die Unterschiede zwischen Reichen und Armen und sah
und mit den letzteren sich solidarisierte: Con los pobres de la tierra
quiero mi suerte echar, schrieb er. In dem schon industrialisierten
Westeuropa mit seiner großen Arbeitsteilung waren dagegen die
Wirtschafts- und Sozialverhältnisse deutlich sichtbar und wurden von den
westlichen Sozialwissenschaften, die sich damals überhaupt erst
bildeten, erfasst: den französischen positivistischen Soziolo¬gen, den
deutschen marxistischen Materialisten und den angelsächsischen
Pragmatisten und Behaviouristen. Gegenüber deren primärer, nahezu
ausschließli¬cher Berücksichtigung der sozialen Verhältnisse für die
Individuen wurde die Rolle kultureller Faktoren für das Leben der
Menschen lange Zeit als sekundär betrachtet.
Martí negierte also
keineswegs die Bedeutung des Sozialökonomischen für die Bewohner
Lateinamerikas, sah aber aufgrund der Geschichte der Besiedelung und
Eroberung sowie Kolonisierung des Subkontinente die enorme Relevanz
ethnisch-kultureller Faktoren, eine Einsicht, die in Europa weitgehend
fehlte. Er sah wohl auch eine Beziehung zwischen rassisch-ethnischen und
sozialökonomischen Momenten, ja eine Identität zwischen ih¬nen,
insofern die „Farbigen“, die Indigenen und Afrokubaner, meist die
Arbeitenden, die weißen Kreolen überwiegend die Besitzenden waren. Diese
Rollenverteilung war nicht das genuine Ergebnis von Rassenzugehörigkeit
der Individuen, sondern le¬diglich das Resultat des historischen
Phänomens der Eroberung und Kolonisie¬rung, durch welches die Weißen zu
Kolonialherren, die „Farbigen“ zu Koloni¬sierten gemacht wurden. Dadurch
fielen Rasse und Klasse zusammen, was zu der Äquivokation führte, die
sozialen Verhältnisse aus Rassenverhältnissen zu erklären. Martí zeigt
anhand der Realitäten Lateinamerikas, dass hier alle sozialen Phänomene
eine eth¬nisch-rassische, d. h. kulturelle, und alle
ethnisch-kulturellen Erscheinungen stets auch eine sozialökonomische
Komponente bzw. Konnotation haben. Solche Erkenntnisse, die dem
Kulturfaktor und damit der Kulturidentität eine bedeutende Rolle
zuweisen, und die den damaligen Europäern fehlten, waren bei dem
Lateinamerikaner Martí angelegt.
Martís Vision einer lateinamerikanischen Kunst
Martís
Konzept lateinamerikanischer Kulturidentität musste sich bei ihm, dem
Dichter und Kunstkritiker, auch irgend auf Literatur und Künste
beziehen. Seine Vorstellung damaliger lateinamerikanischer Kunst und
Literatur war überwiegend die von Nichtliteratur, Nichtmusik,
Nichtmalerei, Nichtdichtung, Nichttheater: das soll heißen, die reiche
vielfältige Wirklichkeit Lateinamerikas, die üppige Natur,
abenteuerliche Geschichte und bunte Bevölkerung, die geradezu nach
künstlerischer Darstellung schrie, war nur potentiell Kunst, blieb
infolge der Diktatur des europäischen Modells ungeschaffen,
ungeschrieben, ungemalt. Er stellte Amerika, wie Europa, Afrika und
Asien, als eine weibliche Allegorie dar, als Frau, die den
Schriftstellern und Künstlern zuruft:
„Ich bringe mit mir nicht
erzählte Erzählungen, nicht beschriebene Kriege, nicht gemalte
Charaktere, unenthüllte Liebesaffären. Auch ich habe meine Geschichten
von unglaublichen Wundern, geheimnisvollen Fluchten, magischen
Errettungen. Unter meinem weiten Himmel breitet sich eine neue Welt aus.
Ich trage in mir vier Jahrhunderte nicht in Verse gesetzte Epen,
legendäre Conquistadoren, goldene Indianerinnen, eherne Indios,
Rassengroll, unermessliches Unheil (...) zarte, verhöhnte und verkaufte
Seelen, Vogelfedern des Asteken-Kaisers Cuauhtemoc, Pferdehufe von
Hernán Cortés, Tränen der Malinche (der Dolmetscherin und Geliebten von
Cortés), und die Grausamkeiten des spanischen Gouverneurs Alvarado“.
Die neuen Menschen Amerikas, schreibt er:
„lesen
um anzuwenden und nicht, um zu kopieren. Die Ökonomen studieren die
Schwierigkeiten in ihren Ursachen, Die Regierungen in Ländern mit Indios
lernen indianische Sprachen. Die Redner beginnen nüchtern zu werden.
Die Dramatiker bringen die einheimischen Charaktere auf die Bühne. Die
Akademien diskutieren lebensnahe Themen. Die Poesie schert sich ihre
romantische Mähne ab und hängt ihre farbenprächtige Weste an den Baum
des Ruhms. Die Prosa, funkelnd und sprühend, stopft sich mit
Gedankenreichtum voll.“
:
Dieses Zukunftsprogramm Martís hat
sich im 20. Jahrhundert in kühner Mischung von westlichem Avantgardismus
und indigener Archaik in glänzender Weise erfüllt: Ich nenne die
Komponisten Vilha-Lobos, Ginastera, Chávez, Piazzola, die Maler Diego
Rivera, Frida Kahlo, David Alfaro Siqueiros, Roberto Matta, Wifredo Lam
und Botero; ferner die Schriftsteller Alejo Carpentier, dessen
real-wunderbare Romane den Zusammenstoß von Steinzeit und moderner
Entfremdung gestalten, den magische Realismus von Migúel Angel Asturias,
der das magische Bewusstsein der Mayas in reizvollem Konflikt zum
phantasielosen Rationalismus des Okzidents gestaltet, und die anderen
großartigen lateinamerikanischen Autoren der 1960-80er Jahre, die die
Orientierung Martís auf die kulturelle Identität Lateinamerikas, auf den
Plurikulturalismus und die Multiethnizität des Subkontinents in
Literatur umsetzten: so Pablo Neruda, Octavio Paz, Gabriel García
Márquez, Mario Vargas Llosa, die großartigen Erzähler Jorge Luis Borges,
Lezama Lima und Julio Cortázar und auch Isabel Allende. Sie alle sind
irgend Schüler und Nachfahren von Martí, der im übrigen auch
enthusiastischer Bewunderer der damaligen, eine ganz andere
Kunstrichtung repräsentierenden Avantgarde des Westens war, vor allem
des von ihm über alles geliebten Franzosen Baudelaire und des von ihm
hochgeschätzten Tonmagiers Richard Wagner (er war einer der ersten
Wagnerianer Lateinamerikas!).
Als Dichter begründete er mit dem
Nicaraguaner Rubén Darío den lateinamerikanischen Modernismo, eine
exquisite, dekorative, wortbewusste Lyrik der (weißen) Kreolen, die die
hispanische Dichtung bis hin zu García Lorca revolutionierte. Er
animierte die auf indianischen und afrikanischen Wurzeln fußende moderne
Kunst der Lateinamerikaner, den Neoindigenismus der Peruaner César
Vallejo und José María Arguedas und die Afrolyrik des kubanischen
Mulatten Nicolás Guillén und des schwarzen Haitianers Jacques Roumain,
von Komponisten der 1930er Jahre, die trommelnde Afrorythmen mit der
atonalen Musik Schönbergs oder dem Barock Johann Sebastian Bachs mixten,
wie der Brasilianer Heitor Vilha-Lobos oder die Kubaner Alejandro
García Caturla und Amadeo Roldán, von denen jetzt Gerta Stecher und ich
als bisher erste Deutsche ein paar afroamerikanische Kompositionen in
unserer Übersetzung, und auch einige lyrische Stücke Martís, die von
Annemarie Boström nachgedichtet sind, zu Gehör bringen.
(Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung des Autors)
Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors vom Link der kubanischen Botschaft http://www.cubadiplomatica.cu/alemania/EN/Home/tabid/13723/ctl/Details/mid/22107/ItemID/24850/Default.aspx (Zugriff am 10.02.2013)
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