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DILL: "José Martís Amerikavision"

Anlässlich des 160. Geburtstages des südamerikanischen Freiheitskämpfers und cubanischen Nationalhelden José Martí  (1853- 1895) finden weltweit Veranstaltungen statt. Im Iberomaerikanischen Institut in Berlin hat am 28.1.2013, dem Geburtstag von Martí Prof. em. Dr. Hans-Otto Dill (Humboldt-Universität zu Berlin, Romanist und Experte für Lateinamerikanische Literatur) einen hervorragenden Vortrag über Martí gehalten. Das Manuskript ist auf der Website der Botschaft der Republik Kuba zugänglich. Die Lektüre wird wärmstens empfohlen!

José Martís Amerikavision – zu seinem 160. Geburtstag 28. Januar 2013

Vortrag von Hans-Otto Dill im Simón-Bolívar-Saal des Ibero-Amerikanischen Instituts Preußischer Kulturbesitz in Berlin

José Martí (1853-1895) dessen 160. Geburtstag wir heute feiern, war ein großer Dichter, aber auch Revolutionär, der wohl erste bewusste Antiimperialist der Weltgeschichte, früher Kritiker des Kolonialismus und Vorläufer des sogenannten Dritte-Welt-Denkens. Doch beschränke ich mich hier auf ein Segment seiner geradezu elektrisierenden Schriften, auf Martí als den Erfinder Lateinamerikas und Entdecker der kulturellen Identität dieses Subkontinents, obgleich er dieses heute inflationäre Allerwelts- und Modewort nie benutzte, u.a. weil die damalige Geschichtswissenschaft nicht in der Lage war, einen solchen Begriff überhaupt nur zu denken. Dazu bedurfte es der lateinamerikanischen Erfahrung.
Zur Einführung in seinen Denkstil eine Kurzbeschreibung seiner Einfachen Verse von 1891: Das sind bunt durcheinander gewürfelte Momentimpressionen und Gedankensplitter, Natur- und Landschaftsbilder, Adler in den Lüften, Viper im Nest, summende Biene, schlafendes Kind, ein an einem Dolchstoß verblutender Mann, vielleicht von seiner Geliebten verraten, dazwischen wie nebenbei politische Schlaglichter, vom Sohn eines versklavten Landes, also Kubas, ist da die Rede, von einem Todesurteil, das der Verurteilte mit höchsten Genuss entgegennimmt, während der Richter wegen seines eigenen harten Urteils einen Heulkrampf bekommt. Extreme, ja exzentrische Gefühlsäußerungen des Angeklagten wie des Richters, Exzentrizität und Heterogenität charakterisieren sowohl den Menschen José Martí als auch Lateinamerika, obgleich es zu Martís Zeiten nur als dessen gedankliches Konstrukt existierte.

Er übte die vielfältigsten Berufe aus, war Diplomat, Konsul Uruguays, widerborstiger Mitbegründer der Organisation amerikanischer Staaten OAS 1889, Hochschulprofessor in Mexiko und Guatemala, Rechtsanwalt in Havanna und Mexiko-Stadt sowie Schriftsteller: 4 Lyrikbände, 1 Drama, 1 Roman, Schrieb in nur 42 Lebensjahren 25 dicke Quartbände Essays, Abhandlungen und Reportagen , rund 12 000 Seiten, edierte das politische Journal Patria und die Kinderzeitung La Edad de Oro.
Er behandelte tausend Themen, die Entdeckung indianischer Tempelruinen in Mexiko, die Einweihung der Freiheitsstatue im Hafen von New York, eine ungarische Gemäldeausstellung, einen Vortrag von Oscar Wilde; Garniers Pariser Opernbau und Schliemanns Ausgrabungen in Troja. Berühmt seine Reportage über den Chicagoer Heumarktprozeß 1887, als sechs deutsche Sozialdemokraten, von Bismarck ins Exil getrieben, wegen Terrorismus zum Tode verurteilt und exekutiert wurden. Typisch für Martí seine Mischung von sachlicher Gerichtschronik und Phantasie: der Angeklagte Engel zitiert Martí zufolge vor seiner Hinrichtung alle fünf Strophen von Heinrich Heines sehr zur Situation passendem Gedicht Die schlesischen Weber, das Martí eigens aus dem Deutschen ins Spanische kongenial übersetzte mit einer einzigen Abweichung; statt wir weben, wir weben, tejemos tejemos heißt der Kehrreim bei ihm Adelante, tejedor! Vorwärts, du Weber!
Er war politischer Organisator und Propagandist der Befreiung Kubas von spanischer Kolonialherrschaft, hielt begeisternde patriotische Reden unter den kubanischen Tabakarbeitern in den USA und warb Drittmittel für Waffenkäufe ein. Revolutionär war er seit seiner Gymnasialzeit. Als 16-jähriger Schüler verurteilte man ihn wegen antispanischer Propaganda, als man einen Brief beschlagnahmte, in dem er die Tyrannenmörder des alten Rom lobpries, zu Zwangsarbeit im Steinbruch mit einer Eisenkugel am Fuß.
Alle spanischen Kolonien hatten 1810 die Unabhängigkeit erkämpft, nur Kuba, Puerto Rico und die Philippinen nicht. Kuba nahm den Freiheitskampf erst 1868 auf, als ihm Spanien Demokratie und Selbstbestimmung verweigerte. Martí landete 1895 aus dem USA-Exil kommend auf der Insel von Bord des Rostocker Dampfers Nordstrand unter dem wackeren Kapitän Löwe aus Warnemünde. Er kopierte eine von dessen Frau gestickte, an der Kajütenwand hängende Borte mit Sutterlin-Inschrift:
In allen Stürmen,
in aller Noth.
Mag er dich beschirmen,
der treue Gott.

Martí starb in einem Gefecht, vom Pferd geschossen. Als die Freischärler weitgehend die Insel befreit hatten, erklärten die USA 1898 Spanien den Krieg und besetzten seine Kolonien. Doch während sie die Philippinen erst 1947 in die Unabhängigkeit entließen und Puerto Rico noch heute Halbkolonie ist, mussten sie Kuba 1902 mit einigen Einschränkungen freigeben. Die Zuckerinsel wurde bald nach Gründung der UNO deren Mitglied. Martís Worte fielen nicht ins Leere, sein Kampf hatte sich gelohnt.
Er arbeitete gleichzeitig für die Befreiung Kubas und die Schaffung eines vereinten Lateinamerika, das noch gar nicht existierte: wie sollte ein argentinischer Gaucho Gemeinsamkeiten mit mexikanischen Indios und kubanischen Negersklaven empfinden, wenn er weder von diesen zehntausend Kilometer entfernten Ländern noch von deren Bewohnern als seinen Landsleuten wusste. Es gab keinen geographischen oder politischen Zusammenhang zwischen den Lateinamerikanern, nicht mehr als zwischen Deutschen und Tartaren, wohl aber einen kulturellen..
Amerika war, wie der mexikanische Historiker O´Gorman sagte, eine pure Erfindung, und zwar eine deutsche Erfindung. Kolumbus´ Irrtum, in Indien bei den Indiern gelandet zu sein, wurde von Amerigo Vespucci korrigiert, weshalb der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller aus Freiburg im Breisgau 1507 die erste Karte der Welt mit dem neuen Erdteil fertigte, den er auf Anstiften des Vespucci-Übersetzers Ringmann zu Ehren Amerigos America, nannte ohne die Amerikaner nach ihrem Namen zu fragen. Waldseemüller erfand bald darauf einen authentisch indigenen Namen für die Neue Welt, Brasil oder Papageienland, aber da hatte sich „Amerika“ schon durchgesetzt, als Name für das ganze Amerika, nicht allein für die USA. Martí sprach stets von Hispanoamerika, bzw., von Unser Amerika, Nuestra América, wegen des kulturellen Unterschieds zwischen Ibero- und Angloamerika, aber nie von Lateinamerika. Napoleon III. Kaiser von Frankreich, der in Mexiko mit einer Invasionsarmee Fuß fassen wollte als Vorstufe zu einem alle romanischen Länder umfassenden Imperium, gehört zu den Miterfindern der absurden Bezeichnung Lateinamerika.
Martís Originalität bestand darin, dass er die einerseits die weißen Kreolen mit den indigenen und afroamerikanischen Bewohnern im Zeichen kultureller Identität zusammentat, sie andererseits von den angelsächsischen USA wie auch vom europäischen Spanien wegen ihres Andersseins unterschied.
Die Kulturdifferenz zu Spanien artikulierte er schon während seines Jurastudiums in Spanien, obgleich doch große Mengen historischer, sprachlicher sowie künstlerisch-literarischer Gemeinsamkeiten mit Spanien bestanden, und er stets voller Liebe von Andalusien und Aragonien, ihren tapferen Comuneros und stillen Klöstern, schrieb. Aber politisch-kulturell pflegte er gegenüber der Halbinsel ostentativ, selbstbewusst und provokatorisch eine geradezu ruppige Sprache, mit der er die unwiderrufliche Trennung beider Völker politisch- kulturell begründete. Spanier und Kubaner seien zutiefst wesensverschieden: „es gibt zwischen ihnen weder gemeinsame Bestrebungen noch identische Ziele, noch sie einende Erinnerungen.“ Unter Hinweis auf die vorsintflutliche politisch-soziale, wirtschaftliche und ideologische Struktur der Pyrenäenhalbinsel konstatiert er absolute Inkompatibilität zwischen Spanien, das „mühsam sein überaltertes und rudimentäres Provinzdasein fristet“ und Kuba „das sich mit großem Naturreichtum und Arbeitseifer in das moderne Leben und das freie Amerika eingliedert“ dank seiner Verbindungen zu Lateinamerika, zu den USA und dem fortgeschrittenen Mittel- und Nordeuropa, womit er die übliche Rangordnung umdreht, die Kolonie für fortschrittlicher als das Mutterland erklärt.
Das spanische Mentalitätserbe in Kuba sei Negativ-Ballast, Feudalkoloniale Psychologie, Unwissenheit, Despotismus, Hochmut und Mangel an Achtung der Meinung Andersdenkender, schreibt er. Sein kapitaler Schlusssatz: Das freie Kuba müsse die Spanier nicht nur als Personen aus dem Lande werfen, sondern sie „aus unseren Sitten und Gebräuchen vertreiben.“ Diese den sozialökonomischen und politischen Denkhorizont seiner Zeit wesentlich ergänzende kulturelle Argumentationslinie weitet er auf Lateinamerika aus, das er zu einem Kulturkonstrukt, zu einer geistig-mentalen Einheit zusammendenkt. Er schrieb, „die Völker, die sich nicht kennen, müssen sich schnellstens kennen lernen“. Dieses gegenseitige Kennenlernen der durch riesige Entfernungen getrennten Lateinamerikaner förderte er durch permanente journalistische Information zwischen „den ohne Kommunikation untereinander“ existierenden „Republiken Spanisch-Amerikas“, womit er erstmals solche modernen Worte wie Kommunikation und Information gebraucht und erstmals die damals sich verbreitenden modernen Printmedien nutzt, die aus regional-nationalen zu überregionalen Zeitungen wurden: La Nación in Buenos Aires und La República in Mexiko, die als Multiplikatoren Martís für die Lokalpressen fungierten, so dass er so etwas wie eine gesamtlateinamerikanische Öffentlichkeit schuf. Kuba, la patria chica, integrierte er in Lateinamerika, die patria grande.
Doch sah er diese Einheit durch wirtschaftliche Begehrlichkeiten des nördlichen Nachbarn USA bedroht. Aus dem Feldlager schrieb er: „Täglich erfülle ich meine Pflicht, (...) durch die Unabhängigkeit Kubas rechtzeitig zu verhindern, dass sich die USA über die Antillen ausbreiten und mit dieser so vermehrten Macht in die Länder Unseres Amerika einfallen.“ Das war nicht geniale Prophetie, sondern politische Informiertheit, denn USA-Präsident Grant, sein Außenstaatssekretär und sein Kriegsminister erklärten andauernd neue karibische oder mittelamerikanische Länder zu Objekten von Intervention oder Kauf, wodurch sie schließlich die Hälfte ihres Territorium hinzuerwarben.
Martí sah als erster die Besonderheit Lateinamerikas wegen seiner kulturellen Heterogenität, seinem multikulturellen Charakter, seiner einmaligen Zusammensetzung aus europäischen Kreolen, indigenen Indios und importierten Afrosklaven, den Angehörigen der Rassen und Kulturen der drei Kontinente: Amerika, Europa und Afrika. In Asien und Afrika gab es fast nur sogenannte Eingeborene, in Europa und Nordamerika fast nur Weiße, in Lateinamerika jedoch beides.
Natürlich war er Antirassist, worauf sich die meisten Martianer beschränken. Es gäbe keinen Rassenhass, weil es keine Rassen gibt schrieb er, was heißen soll: eigentlich dürfte es keinen Rassismus geben, weil die Hautfarbe weder Kultur noch Denken noch Fühlen bestimmt. Er war der erste, der die Schwarzen Kubas zu Bestandteilen der Nation erklärte, von cultura negra sprach. In Polemik gegen die in Europa und Nordamerika grassierende Meinung, die Menschen afrikanischer Abstammung seien intellektuell und kulturell minderwertig, schreibt er, die schwarzen Haitianer hätten „ebenso viel Poesie und Bücher über Staatsrecht, Rechtswissenschaft und Soziologie hervorgebracht wie jedes Land mit gleicher Bevölkerungszahl in europäischen Breiten“. Er widmete viele Artikel aztekischen Altertümern und altamerikanischen Kunstwerken, erwähnt begeistert die Poesie des damals entdeckten Popol Vuh, diesen Mythen- und Geschichtsbuchs der Mayas, und kommentierte die Verbrennung fast aller aztekischen Piktografien durch die Christen mit den Worten: Man hat eine ganze Seite aus dem Geschichtsbuch der Menschheit herausgerissen.
Heute denkt man in europäischern Breiten, also in der EU, so antirassistisch wie einst Martí, aber damals war er die ganz große Ausnahme. Die ethnisch-rassische Heterogenität Lateinamerikas, die er als enorme Bereicherung der Gattung Mensch ansah, wurde von führenden Nord- und Südamerikanern als schädlich und schändlich angesehen: der Argentinier Domingo Faustino Sarmiento pro¬pagierte als Schriftsteller in Barbarei und Zivilisation in der argentinischen Republik, und realisierte als Präsident die Ver¬nichtung der Indios und mestizischen Gauchos als Feinde der Zivilisation, weshalb man zwecks Verhinderung der Vermehrung der unnützen Indios alle gebärfähigen Indianerinnen Patagoniens über 20 Jahre erschießen ließ, weshalb das Reisetagebuch des darüber fassungslos berichtenden Charles Darwin von der Zensur bis ins 20. Jahrhundert hinein verboten wurde. Der kubanische Sklavereigegner Domingo del Monte votierte für die Rücksiedlung der Schwarzen nach Afrika, und Benjamin Franklin tötete die In¬dianer seiner Heimat durch hochprozentigen Alkohol, um in den Be¬sitz von deren un¬genutzten Ländereien zu gelangen, und empfahl in seiner erst 1905 erschienenen Autobiographie, seinen writings diese Methode, die ja an der Ostküste bereits erfolgreich zum Aussterben der Ureinwohner geführt habe. „Indianisti¬sche“ Schriftsteller wie die Peruanerin Clorinda Matto de Turner in Aves sin nido und der Bolivianer Alcides Arguedas in Raza de bronce (1919) empfahlen die gewaltfreie Ausmerzung der kupferfarbenen Rasse durch allmähliche kulturelle „Verweißung“ (blan¬quear) mittels Erzie¬hung, und ku¬banische Liberale die progressiv-europäi¬sierende Mestizierung der Schwarzen (adelantarse). Martí aber inspirierte andinische und karibische Anthropologen des 20. Jahrhunderts wie den Peruaner José Carlos Mariátegui, den Kubaner Fernando Ortiz und den Brasilianer Darcy Ribeiro, die w Emanzipation der „Farbigen“ zu reklamieren.
Martí zog die ethnische Buntheit Iberoamerikas dem relativ monokulturellen farblosen Okzident vor, so den so den USAs als „einem Volk von untereinander affinen „Engländern, Holländern und Deutschen“, wo es „nicht die Vermischung der politischen Sitten und den Völkermischmasch gibt, was beides in „Unser Amerika“, also Hispanoamerika, lebendig geblieben ist.“
Das Moderne und Aktuelle Martís ist nicht allein sein für uns Heutige selbstverständlicher Antirassismus, sondern sein Konzept Iberoamerikas als multiethnischen Kontinent und Modell für eine globalisierte Welt kulturell gleichberechtigter Völker, für eine demokratische Weltkultur, die nicht allein auf die okzidentale bzw. angloamerikanische Leitkultur allein fixiert sein dürfte. Er dachte wie Simón Bolivar, der den Subkontinent wegen seines Plurikulturalismus eine Menschheit im Kleinen, un pequeño génerero humano genannt hatte.
In seiner wilden Syntax umschrieb er die einmalige Rassen- und Kulturenvielfalt des jüngsten Gliedes der Weltkommunität der Völker folgendermaßen:

„Die Füße im Rosenkranz, den Kopf weiß und den Leib indianisch-kreolisch bemalt, kamen wir auf die Welt der Nationen. Wir waren eine Maske mit Hose aus England, Jacke aus Paris, Weste aus Nordamerika und Kopfbedeckung aus Spanien. Wir waren Achselschnüre und Togas in Ländern, in denen man mit Hanfsandalen an den Füßen und der Vincha auf dem Kopf zur Welt kam.“

Hanfschuhe trugen traditionell die mexikanischen Indios, die Vincha ist das Kopftuch der Gauchos von Argentinen und Uruguay. Die Achselschnüre meinen die Epauletten der europäischen Offiziere, die Toga den Umhang der römischen Patrizier und Philosophen: führwahr eine abenteuerliche Mischung von Bekleidungskulturen der Alten und Neuen Welt; von Antike und Gegenwart als Metaphern lateinamerikanischer Kulturhybridität. Martís Schlussfolgerung; „Genial wäre es gewesen, Vincha und Toga zu verbrüdern,“ Pampa mit Mittelmeer, europäische Antike mit amerikanische Gegenwart zu verbinden,“
Doch er entdeckte außer der räumlichen Ausbreitung der Kulturen auch die für Lateinamerika typische Zeitgenossenschaft von Moderne und Archaismus, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Alle Kulturstufen und Geschichtsepochen von der Steinzeit bis zum Industriekapitalismus koexistieren und mischen sich. Hier konnte sich keine Wirtschaftsweise ganz und überall durchsetzen, Restbestände früherer Kulturen ragen erratisch in die Moderne hinein, Urwaldindios, mittelalterlich-abergläubische Bauern, magisch denkende Indigene in Gemeinschaft mit Industrie, Technik und Naturwissenschaft. Martí beschrieb dieses kuriose Nebeneinander plastisch in seiner atemlosen Syntax:
Denn selbst heute, da die Lokomotiven durch die Luft sausen und ein Felsen, der den Menschen im Wege steht, durch Sprengladung in unsichtbare Atome zerspellt gleich den Splittern eines auf den Boden geschleuderten Tequila-Glases (kein europäischer Cognac-Schwenker, HOD), selbst heute in unserer fortgeschrittenen humangeologischen Formation gibt es barbarische Indiostämme, Menschen die Bilderschriften in Stein meißeln, die Sonnenpriesterstatuen errichten.(...) Diese Menschen, die in den Urwäldern mitten in der heutigen geologischen Fortschrittsformation geboren werden, kämpfen mit wilden Tieren, leben von Jagd und Fischfang (...) bearbeiten Stein, Horn und Bein, gehen nackt und mit zottigem Haar (...) wie der ruhmlose Wilde an den Kaps Afrikas, wie alle Menschen in der primitiven Vorzeit.
Er registriert erfreut einen tollen Mischmasch von Latifundisten, Industriellen, Peonen, Buschindianern, Nomaden, professionellen Banditen, Urwaldtartaren, Einwanderern; Mennoniten, Naturanbetern, Polytheisten, Sektierer, schlitzohrige Viehhirten, Urwaldboxer, Kriegsgewinnler, Börsianer und Regenwaldindios: alle nebeneinander und gleichzeitig.
Die häufige auf Lateinamerika angewendeten Bezeichnungen Unterentwicklung oder Zurückgebliebenheit sind also falsch, treffen höchstens auf einzelne isolierte Randregionen zu: Charakteristisch ist auch heute das Neben- und Ineinander verschiedenster Zeitepochen und Kulturtypen bis hin zur Moderne. Argentinien hatte zu Martís Zeiten ein höheres Entwicklungsniveau als Italien oder Spanien.

Martís Doktrin vom Guten Regieren
Wie diese explosive Gemengelage regieren: darüber musste er als designierter Präsident Kubas nachdenken. Er entwickelte eine Lehre vom guten Regieren, von Gouvernance; gobernar bien speziell für Lateinamerika, denn es ging ihm nicht um die banale Erkenntnis dass alle Länder irgendwie verschieden sind und folglich unterschiedlich regiert werden müssen, sondern um die fundamentalen Strukturunterschiede zwischen den heterogenen lateinamerikanischen Republiken und den homogeneren Nationen West Europas. Für ihn kam der übliche Nachvollzug okzidentaler Muster für junge, aus dem Kolonialismus entlassene Drittweltländer mit ihren archaischen Reststrukturen, und damit das ganze kreolische Aufholprojekt, nicht in Frage. Er schrieb:
„Unfähig ist nicht das entstehende Land, das nach ihm angemessenen Formen verlangt, unfähig sind diejenigen, die unsere mit Gewalt zusammengezwungenen Völker mit Gesetzen regieren wollen, die aus einem Jahrhundert freiheitlicher Praxis in den USA, aus zehn Jahrhunderten Monarchie in Frankreich ererbt wurden. Mit einem Dekret von Hamilton (USA-Minister unter George Washington) bringt man einen Pampahengst nicht zum Stehen. Mit einem Satz von Sieyes, Theoretiker der Französischen Revolution, bringt man nicht das angestaute Blut der Indios zum Fließen.“

Diese Unterschiede müssten die Regierenden Lateinamerikas gefälligst beachten statt nur hirn- und gedankenlos die Altwelt-Administration nachzuahmen. So interpretiere ich folgenden Satz: Gut regiert in Amerika nicht derjenige, der weiß, wie der Deutsche oder Franzose regiert wird, sondern derjenige, der weiß, aus welchen Elementen sich sein Land zusammensetzt.“ Mit Elemente meint er die verschiedenen Bevölkerungsteile, die in ganz unterschiedlichen Kulturen und Zeitepochen nebeneinander existieren. Marti schrieb:

„Wie sollen aus den Universitäten Regierungskräfte hervorgehen, wenn es keine Universität in Amerika gibt, wo man sie die Anfangsgründe der Regierungskunst lehrt, die in der Analyse der besonderen Elemente der Völker Amerikas besteht. Bei Wettbewerben sollte der Preis nicht für die beste Ode, sondern für die beste Studie über die Faktoren, (d. h. Elemente) des Landes vergeben werden. De Regierenden müssten die schwierige Synthese zwischen dien gegensätzlichen Elementen vollziehen: Die Regierung ist nichts als das Gleichgewicht der natürlichen Elemente des Landes“, nichts als das Ausbalanzieren der Regierungsprogramme zwischen den Steinzeitmenschen des amazonischen Urwalds und den Großstadtbewohnern des Betonmonsters Buenos Aires. Er forderte aber kein Zurück in archaische Vergangenheit, sondern moderne Bildung: „statt Griechisch Deutsch, statt Homer Heckel“.
Die Regierenden hätten leider nicht im Einklang mit den „aus dem Lande selbst hervorgegangenen Methoden und Institutionen“ regiert, sondern einfach drauflos modernisiert.
Als Strafe für diese Ignoranz seien die vielen, ja stets populistischen Diktaturen zur Herrschaft gelangt, womit er das Geheimnis permanenter autoritärer Gewaltherrschaft in Lateinamerika enthüllt:

„Dank dieser Nicht-Übereinstimmung mit den natürlichen Elementen des Landes haben die Tyrannen in Amerika an die Macht gelangen können. Die (lateinamerikanischen) Republiken haben in den Tyranneien ihre Unfähigkeit gesühnt, die wirklichen Elemente des Landes zu kennen, aus ihnen die Regierungsformen abzuleiten und mit ihnen gemeinsam zu regieren.“

Das Gleichgewicht der Bevölkerungselemente durch die endliche Berücksichtigung der nicht-okzidentalen Bewohner, wie es einige andinische, durch indigene demokratische Mehrheiten zustande gekommene Regierungen heute versuchen, entspricht zweifellos Martischem Denken.

Martí entdeckte wie schon Humboldt zu Beginn seines 19. Jahrhunderts Lateinamerika als polykulturellen Kontinent und die für diesen Erdteil grundlegende Bedeutung ethnisch-kultureller Faktoren, wogegen er dem damaligen Entwicklungsstand des Subkontinents und seiner eigenen Erkenntnisbreite entsprechend den sozialökonomischen Verhältnissen weniger Beachtung schenkte, obwohl er die Unterschiede zwischen Reichen und Armen und sah und mit den letzteren sich solidarisierte: Con los pobres de la tierra quiero mi suerte echar, schrieb er. In dem schon industrialisierten Westeuropa mit seiner großen Arbeitsteilung waren dagegen die Wirtschafts- und Sozialverhältnisse deutlich sichtbar und wurden von den westlichen Sozialwissenschaften, die sich damals überhaupt erst bildeten, erfasst: den französischen positivistischen Soziolo¬gen, den deutschen marxistischen Materialisten und den angelsächsischen Pragmatisten und Behaviouristen. Gegenüber deren primärer, nahezu ausschließli¬cher Berücksichtigung der sozialen Verhältnisse für die Individuen wurde die Rolle kultureller Faktoren für das Leben der Menschen lange Zeit als sekundär betrachtet.
Martí negierte also keineswegs die Bedeutung des Sozialökonomischen für die Bewohner Lateinamerikas, sah aber aufgrund der Geschichte der Besiedelung und Eroberung sowie Kolonisierung des Subkontinente die enorme Relevanz ethnisch-kultureller Faktoren, eine Einsicht, die in Europa weitgehend fehlte. Er sah wohl auch eine Beziehung zwischen rassisch-ethnischen und sozialökonomischen Momenten, ja eine Identität zwischen ih¬nen, insofern die „Farbigen“, die Indigenen und Afrokubaner, meist die Arbeitenden, die weißen Kreolen überwiegend die Besitzenden waren. Diese Rollenverteilung war nicht das genuine Ergebnis von Rassenzugehörigkeit der Individuen, sondern le¬diglich das Resultat des historischen Phänomens der Eroberung und Kolonisie¬rung, durch welches die Weißen zu Kolonialherren, die „Farbigen“ zu Koloni¬sierten gemacht wurden. Dadurch fielen Rasse und Klasse zusammen, was zu der Äquivokation führte, die sozialen Verhältnisse aus Rassenverhältnissen zu erklären. Martí zeigt anhand der Realitäten Lateinamerikas, dass hier alle sozialen Phänomene eine eth¬nisch-rassische, d. h. kulturelle, und alle ethnisch-kulturellen Erscheinungen stets auch eine sozialökonomische Komponente bzw. Konnotation haben. Solche Erkenntnisse, die dem Kulturfaktor und damit der Kulturidentität eine bedeutende Rolle zuweisen, und die den damaligen Europäern fehlten, waren bei dem Lateinamerikaner Martí angelegt.

Martís Vision einer lateinamerikanischen Kunst
Martís Konzept lateinamerikanischer Kulturidentität musste sich bei ihm, dem Dichter und Kunstkritiker, auch irgend auf Literatur und Künste beziehen. Seine Vorstellung damaliger lateinamerikanischer Kunst und Literatur war überwiegend die von Nichtliteratur, Nichtmusik, Nichtmalerei, Nichtdichtung, Nichttheater: das soll heißen, die reiche vielfältige Wirklichkeit Lateinamerikas, die üppige Natur, abenteuerliche Geschichte und bunte Bevölkerung, die geradezu nach künstlerischer Darstellung schrie, war nur potentiell Kunst, blieb infolge der Diktatur des europäischen Modells ungeschaffen, ungeschrieben, ungemalt. Er stellte Amerika, wie Europa, Afrika und Asien, als eine weibliche Allegorie dar, als Frau, die den Schriftstellern und Künstlern zuruft:

„Ich bringe mit mir nicht erzählte Erzählungen, nicht beschriebene Kriege, nicht gemalte Charaktere, unenthüllte Liebesaffären. Auch ich habe meine Geschichten von unglaublichen Wundern, geheimnisvollen Fluchten, magischen Errettungen. Unter meinem weiten Himmel breitet sich eine neue Welt aus. Ich trage in mir vier Jahrhunderte nicht in Verse gesetzte Epen, legendäre Conquistadoren, goldene Indianerinnen, eherne Indios, Rassengroll, unermessliches Unheil (...) zarte, verhöhnte und verkaufte Seelen, Vogelfedern des Asteken-Kaisers Cuauhtemoc, Pferdehufe von Hernán Cortés, Tränen der Malinche (der Dolmetscherin und Geliebten von Cortés), und die Grausamkeiten des spanischen Gouverneurs Alvarado“.

Die neuen Menschen Amerikas, schreibt er:

„lesen um anzuwenden und nicht, um zu kopieren. Die Ökonomen studieren die Schwierigkeiten in ihren Ursachen, Die Regierungen in Ländern mit Indios lernen indianische Sprachen. Die Redner beginnen nüchtern zu werden. Die Dramatiker bringen die einheimischen Charaktere auf die Bühne. Die Akademien diskutieren lebensnahe Themen. Die Poesie schert sich ihre romantische Mähne ab und hängt ihre farbenprächtige Weste an den Baum des Ruhms. Die Prosa, funkelnd und sprühend, stopft sich mit Gedankenreichtum voll.“
:
Dieses Zukunftsprogramm Martís hat sich im 20. Jahrhundert in kühner Mischung von westlichem Avantgardismus und indigener Archaik in glänzender Weise erfüllt: Ich nenne die Komponisten Vilha-Lobos, Ginastera, Chávez, Piazzola, die Maler Diego Rivera, Frida Kahlo, David Alfaro Siqueiros, Roberto Matta, Wifredo Lam und Botero; ferner die Schriftsteller Alejo Carpentier, dessen real-wunderbare Romane den Zusammenstoß von Steinzeit und moderner Entfremdung gestalten, den magische Realismus von Migúel Angel Asturias, der das magische Bewusstsein der Mayas in reizvollem Konflikt zum phantasielosen Rationalismus des Okzidents gestaltet, und die anderen großartigen lateinamerikanischen Autoren der 1960-80er Jahre, die die Orientierung Martís auf die kulturelle Identität Lateinamerikas, auf den Plurikulturalismus und die Multiethnizität des Subkontinents in Literatur umsetzten: so Pablo Neruda, Octavio Paz, Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa, die großartigen Erzähler Jorge Luis Borges, Lezama Lima und Julio Cortázar und auch Isabel Allende. Sie alle sind irgend Schüler und Nachfahren von Martí, der im übrigen auch enthusiastischer Bewunderer der damaligen, eine ganz andere Kunstrichtung repräsentierenden Avantgarde des Westens war, vor allem des von ihm über alles geliebten Franzosen Baudelaire und des von ihm hochgeschätzten Tonmagiers Richard Wagner (er war einer der ersten Wagnerianer Lateinamerikas!).
Als Dichter begründete er mit dem Nicaraguaner Rubén Darío den lateinamerikanischen Modernismo, eine exquisite, dekorative, wortbewusste Lyrik der (weißen) Kreolen, die die hispanische Dichtung bis hin zu García Lorca revolutionierte. Er animierte die auf indianischen und afrikanischen Wurzeln fußende moderne Kunst der Lateinamerikaner, den Neoindigenismus der Peruaner César Vallejo und José María Arguedas und die Afrolyrik des kubanischen Mulatten Nicolás Guillén und des schwarzen Haitianers Jacques Roumain, von Komponisten der 1930er Jahre, die trommelnde Afrorythmen mit der atonalen Musik Schönbergs oder dem Barock Johann Sebastian Bachs mixten, wie der Brasilianer Heitor Vilha-Lobos oder die Kubaner Alejandro García Caturla und Amadeo Roldán, von denen jetzt Gerta Stecher und ich als bisher erste Deutsche ein paar afroamerikanische Kompositionen in unserer Übersetzung, und auch einige lyrische Stücke Martís, die von Annemarie Boström nachgedichtet sind, zu Gehör bringen.

(Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung des Autors)

Anmerkung

Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors vom Link der kubanischen Botschaft http://www.cubadiplomatica.cu/alemania/EN/Home/tabid/13723/ctl/Details/mid/22107/ItemID/24850/Default.aspx (Zugriff am 10.02.2013)

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