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Berlin, den 12. März 2003

Betr.: Aktuelle Sitzungsperiode der UN-Menschenrechtskommission, Genf

Seit Jahren versuchen die USA immer wieder, die Republik Kuba in der UN wegen deren Menschenrechtssituation anzuklagen. Zu diesem Zweck, den sie mit geradezu paranoider und sadistischer Obsession verfolgen, setzen sie schwache, von ihrem Wohlwollen abhängige Regierungen anderer Staaten unter Druck, einen solchen Antrag in der UN-Menschenrechtskommission einzubringen, um nicht selbst im Rampenlicht dieser Farce zu stehen. Und auch in diesem Jahr wird von der Bush-Administration wohl wieder dieser allzu durchsichtige Versuch unternommen werden.


Leider hat auch die rot-grüne Bundesregierung in den vergangenen Jahren derartigen Anträgen ihre Zustimmung gegeben.


Daher möchten wir Ihnen zu dieser Thematik, die derzeit durch die Sitzung der UN-Menschenrechtskommission in Genf wieder akut wird, einige Anmerkungen unterbreiten:


Um aus dem Bereich der Menschenrechte nur eine Quelle zu nennen:

Dem letzten Jahresbericht von amnesty international ist über „Politische Gefangene“ in Kuba zu entnehmen, dass dort ganze sechs Bürgerinnen (!) inhaftiert sind, die nach Kriterien von amnesty international diesen Status zugeschrieben werden.

In dem Bericht wird generalisierend sogar konstatiert, die Lage habe sich insgesamt gebessert. Zwar wären diese sechs Personen sozusagen sechs zuviel. Aber auch hier muss doch das völkerrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben: im Vergleich zu fast allen anderen Staaten dieses Planeten - die USA ausdrücklich eingeschlossen - ist die Menschenrechtssituation in Kuba weitgehend zufriedenstellend und in Bezug auf die sog. sozialen Menschenrechte sogar uneingeschränkt als hervorragend und vorbildlich zu bezeichnen.

In Kuba gibt es keinen einzigen Fall von „Verschwundenen“, keine politschen Morde, keine politisch motivierten Entführungen, keine Todesschwadronen, keine systematische Folter wie diejenige, die US-Amerikanische Ausbilder in ihrer Militärakademie „Schools of the Americas“ gelehrt haben!


Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang eine Problematik grundsätzlicher Art: die verschiedenen Grundelemente von Menschenrechten.

Die USA machen sich aufgrund ihrer großen Macht in Bezug auf „Agenda-setting“ immer wieder einseitig und verzerrend (und von sich ablenkend) eine Engführung zunutze: sie thematisieren im Diskurs über Menschenrechte fast ausschließlich die bürgerlichen Freiheitsrechte und ignorieren hingegen fast völlig die umfangreichen und in unzähligen völkerrechtlichen Dokumenten verbrieften wirtschaftliche, sozialen und kulturellen Menschenrechte, die aufgrund des Bezugs auf Existenzsicherung und Überlebenschancen von noch wichtigerer praktischer Bedeutung sind, als die Freiheitsrechte!


Und zugleich lenkt die US-Administration nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ von ihren eigenen eklatanten Menschenrechtsverletzungen innerhalb und außerhalb ihres Territoriums ab. Und so werden nicht nur die in den USA einsitzenden politischen Gefangenen nicht thematisert, auch die unglaublich häufig vollstreckte Todesstrafe, die extrem rassistischen Resultate des Gerichtswesens, Verelendung breiter Segmente bestimmter ethnischer Gruppen u.v.a.m. bleiben außerhalb jeglichen Diskurses. Dass demokratische und rechtstaatlich verfaßte Staaten und deren Regierungen - einschließlich der Bundesrepublik und der EU - dies geschehen lassen, ist skandalös.


Zahlreiche außenpolitische Schritte der jetzigen Bush-Administration waren nur aufgrund vielfältigen Drucks gegenüber schwächeren Staaten möglich. Dies wird unter dem Begriff „Piraten-Diplomatie“ (John Pilcher) bzw. „arm-twisting“ diskutiert. Andere Manipulationen in dieser Sache waren der Presse zu entnehmen (Abhören der UNSC-Mitglieder durch US-Geheimdienste, Fälschung von „Beweismitteln“ gegen Saddam Hussein). Diese Piraten-Diplomatie wird aller Wahrscheinlichkeit auch in Sachen Kuba verfolgt - allerdings liegt hier kein besonderes Interesse vor, dies aufzudecken oder breit zu veröffentlichen.


Dass der Druck durch die Bush-Administration gegen Kuba gerade auf dem Feld der Menschenrechte ausgeübt wird, ist besonders pervers, denn die USA verletzen mit selbstherrlicher Kontinuität Verletzungen von Bürger- und Menschenrechten. Im folgenden dazu einige konkrete Beispiele.


Höchst umstritten (um nicht zu sagen skandalös) ist der Umgang der US-Sicherheitskräfte mit den Gefangenen und Verschleppten auf dem US-Stützpunkt in Guantanamo/Kuba. Er ist inzwischen häufig - u.a. von der UN-Flüchtlingskommisarin, vom IRK, von amnesty international und anderen Menschenrechtsgruppen - kritisiert worden. Auch hierauf erfolgte von seiten der US-Regierung m.W. keinerlei konstruktive Reaktion. Hunderte von Menschen sind immer noch ohne rechtlichen Beistand, ohne Zugang ihrer Angehörigen, ohne fairen Prozess, ja sogar ohne präzise Anklage festgehalten - unter menschenunwürdigen und rechtsverletzenden Umständen. Daher läßt sich behaupten, dass die US-Administration in ihrer Militärstützpunkt auf Kuba innerhalb der letzten 15 Monate mehr und ungleich schrecklichere Menschenrechtsverletzungen begangen hat, als in ganz Kuba seit der Revolution von 1959! Wo ist hier die Bundesregierung bzw. die EU als offizieller und lautstarker (und effektvoller) Ankläger?


In diesem Zusammenhang sei die Frage gestellt, weshalb sich die US-Regierung noch heute anmaßen darf, auf dem (eigentlich ja unverletzlichen!) Territorium des souveränen Staates Kuba einen Militärstützpunkt zu betreiben. Der fadenscheinige Verweis auf das aus imperialistischer Ära stammende „Platt-Amendment“ von 1902 bestätigt lediglich die Völkerrechtswidrigkeit dieser Besatzung auf Guantanamos/Kuba! Aber der „Koloss im Norden“ (Josè Martì) darf sich (noch) alles erlauben...!?


Desweiteren ist hinzuweisen auf die fünf kubanischen Staatsbürger, die in Florida wegen Spionage angeklagt und verurteilt worden sind - unter Umgehung juristischer, bürger- und menschenrechtlicher Mindeststandards. Diese fünf Persönlichkeiten wollten ihr Land/Volk vor weiteren terroristischen Aktivitäten, die von Miami aus vorbereitet werden, schützen und boten ihre Informationen sogar den US-Behörden an. Statt Kooperation erfolgte die Festnahme und Verurteilung. Seither unterliegen diese fünf kubanischen Staatsbürger der Isolationshaft.


Die Bush-Regierung agiert in skandalöser Weise mit Heuchelei und Doppelstandards: im vergangenen Herbst wurden die USA im Rahmen der UN-Vollversammlung zum zehnten Mal hintereinander fast einhellig aufgefordert, ihr Embargo bzw. Blockade Kubas (nach über 41 Jahren!) zu beenden. All dies blieb ohne jede konstruktive Reaktion durch die US-Administration; im Gegenteil: mehrere verschärfende und sogar extraterritorial wirkende Gesetze sind im Kongress durchgesetzt worden. Übrigens verhalten sich US-Regierungen ähnlich ignorant in Bezug auf UN-Resolutionen über die israelische Un-politik gegenüber dem palästinensischen Volk und seiner Vertretung: keine Resolution wurde eingehalten (im Gegenteil wurden viele Versuche zu fairen, friedlichen Lösungen von den USA mittels Veto zunichte gemacht).


Die Vereinigten Staaten sind aus nachvollziehbaren Gründen im vorletzten Jahr zum ersten Mal in der Geschichte NICHT in die Kommission gewählt worden und in der jüngsten Session nur deshalb wieder Mitglied, weil die spanische Regierung von ihrer Anwartschaft zurückgetreten ist.


Hinweisen möchten wir noch auf die extrem unilateralistische Haltung der jetzigen US-Administration, die ein bislang unübertroffenes Ausmaß erreicht hat, inzwischen sogar völkerrechtsverachtende Züge trägt und eine ordinäre Geringschätzung der UN beinhaltet (hohe Rückstände der Beitragszahlungen, Abschaffung der Kommission zur Beobachtung Transnationaler Konzerne, häufiger Druck auf UN-Organisationen wie UNESCO und WHO, Nutzung des Veto-Rechts, „Multilateralismus á la carte“ etc.). Mit Antritt der (vom Supreme Court eingesetzten) Bush-Administration steigerte sich die Ignoranz gegenüber der Sichtweise anderer Regierungen und Kulturen noch weiter, und zunehmend werden Völkerrecht (z.B. einseitige Kündigung des SALT-II-Vertrages!) und UN-Prinzipien ignoriert und verletzt. Im eigenen Lande gab und gibt es weiterdenkende Menschen, wie z.B. der frühere US-Präsident Dwight D. Eisenhower, der vor der immensen Macht der „militärisch-industriellen Komplexes“ in den USA gewarnt hat, oder der hochgeschätzte frühere US-Senator James Fulbright, der seiner Elite „Arroganz der Macht“ vorwarf, oder die US-Historikerin Barbara Tuchman, die die „Torheit der Regierenden“ offenlegte - ganz abgesehen von zeitgenössischen Intellektuellen wie Noam Chomsky und Susan Sontag.


Aufgrund der hier aufgelisteten Argumente und der Einschätzungen fordern wir die Bundesregierung nachdrücklich auf, in Rahmen der diesjährigen Session der UN-Menschenrechtskommission in Genf gegen eine Verurteilung der Republik Kuba zu stimmen.


Im voraus vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Mit freundlichen Grüßen

Frank Schwitalla
Vorsitzender

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